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Deutschlands Zukunft: Drei Schritte zur erfolgreichen KI-Nation

29. Mai 2018 / Meinung

Künstliche Intelligenz (KI) ist kein Selbstzweck. Wir nutzen sie nicht, um sie zu nutzen. Im Gegenteil: Die Entwicklungen, die mithilfe künstlicher Intelligenz und maschinellen Lernens gerade so rasant voranschreiten, betreffen unser gesamtes Leben, unser Zusammenleben, den Erfolg unserer Wirtschaft ebenso wie soziale Teilhabe. Es geht um Kernfragen unserer Gesellschaft: Wie werden wir künftig (auch im Alter) mobil sein? Wie arbeiten wir? Was investieren wir in unsere Gesundheit? Wie schaffen wir eine saubere Energieversorgung? Wie hinterlassen wir unseren Planeten für unsere Kinder?

Überall auf der Welt – in den USA und China, in Frankreich und Israel – forschen kluge Köpfe an der Frage, wie man gesellschaftliches Zusammenleben und wirtschaftlichen Fortschritt durch KI verbessern kann. Der Einsatz künstlicher Intelligenz wird auf immer mehr Themengebieten den Wettbewerb entscheiden. Sie ist unverzichtbar für Innovationen. Und damit entscheidet sie auch darüber mit, wie es unserem Land, wie es jedem einzelnen von uns in einigen Jahren geht. Ob wir Arbeit haben, ob wir an gesellschaftlichen Entwicklungen Teilhaben, ob es uns gut geht.

Wir stehen längst nicht mehr vor der Frage, ob es diese Entwicklungen geben wird. Das ist längst sicher. Vielmehr geht es darum, ob wir daran mitwirken werden. Dafür müssen wir drei wichtige Schritte gehen:

1. Stärken stärken

Unsere Vorteile und Chancen liegen klar bei den Menschen in unserem Land. Zahlreiche exzellente Wissenschaftler forschen an unseren Einrichtungen und Universitäten. Wir haben große Stärken in Deutschland – gerade in der Grundlagenforschung – und das schon seit langem. Während wir das Thema KI gesellschaftlich erst seit wenigen Jahren diskutieren, feiert beispielsweise das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) dieses Jahr seinen 30. Geburtstag. Das Institut forscht seit Jahrzehnten auf Spitzenniveau im Bereich KI. Und sie sind bei Weitem nicht die einzigen, die Deutschland durch exzellente KI-Forschung voranbringen. Wir haben herausragende Forschungseinrichtungen, beispielsweise an der RHTW Aachen, an den Unis in Dresden, Mannheim oder Ulm, bei Fraunhofer in Sankt Augustin oder Max Planck in Tübingen.

Deutschlands Forschungslandschaft ist eine Erfolgsgeschichte, die wir ausbauen und untermauern müssen. Denn auch im Wettbewerb der Fachkräfte gibt es Konkurrenzdruck. Nachwuchswissenschaftler wollen dort lernen, wo die besten Köpfe forschen und sie die besten Bedingungen vorfinden. Durch Spitzenleistungen in Grundlagenforschung und Anwendung kann ein rohstoffarmes Land wie Deutschland gegen die internationale Konkurrenz bestehen.

Das im Koalitionsvertrag vereinbarte nationale Forschungskonsortium für künstliche Intelligenz und maschinelles Lernen ist ein wichtiger Schritt, unsere vorhanden Stärken in der Forschung zu sichern und weiter auszubauen. Das Konsortium muss klare Strukturen schaffen und Organisationseinheit sein, die Zusammenarbeit in der KI-Forschung strukturieren sowie Zuständigkeiten und Verantwortlichkeiten zuweisen. Wichtig ist dabei, dass wir die Forschung an ihren Standorten stärken und so die dezentrale Struktur unserer Forschungslandschaft den Rücken stärken.

Deutschlands exzellente Grundlagenforschung ist unser Standortvorteil. Diese Qualität kann ein wichtiger Aspekt unseres Erfolgs in der KI sein.

2. Hidden Champions heben

Eine weitere große Stärke unseres Landes ist unbestritten unser Mittelstand. Dieses Rückgrat der deutschen Wirtschaft müssen wir enger mit der Forschung verknüpfen. Im ganzen Land gibt es „Hidden Champions“, deren Potentiale riesig sind. Wir müssen sie dringend heben. Wir müssen das Wissen über KI dahin bringen, wo das Wissen über die Märkte liegt.

Durch diesen Transfer der Forschung in die Anwendung werden aus Ergebnissen Strategien. Der Vorteil der Startups und kleinen und mittelständischen Unternehmen (KMU) liegt dabei in ihrer Schnelligkeit. Außerdem sind sie eher bereit, branchenfremde Technologien zu nutzen. Ein Mittelständler bewegt sich schneller und flexibler als ein großer Industrie-Tanker. Nicht zu vergessen ist dabei, dass in unseren Unternehmen tausende kluge Köpfe arbeiten. So ist der „German Engineer“ bis heute ein deutscher Exportschlager und es wäre ratsam, mit dem „Digital Engineer“ den gleichen Weg zu gehen. So können wir durch Qualität überzeugen.

Unsere Stärken – die top Grundlagenforschung und unseren hervorragenden Mittelstand – müssen wir nutzen, um ein Transfernetzwerk zu schaffen. Forschungseinrichtungen müssen bei Gründungen unkompliziert unterstützen können, aber auch mit bestehenden KMU zusammenarbeiten, die neue Technologien zur Anwendung bringen. Wir brauchen ein bundesweites Netzwerk, das einen niedrigschwelligen Einstieg schafft und schnell aktiv wird. Den Unternehmen wiederum müssen wir so die Möglichkeit geben, ihre Daten sicher zur Verfügung stellen zu können – damit die Forschung aus ihnen neues Wissen und neuen Fortschritt generieren kann.

Das wesentliche Ziel: Deutschlands wirtschaftliches Rückgrat in eine gesellschaftliche KI-Strategie einbinden. So wird exzellente Forschung zu wettbewerbsfähiger Anwendung.

3. Datenpolitik entscheidet über Wohlstand

Unsere aktuelle Datenpolitik ist Fluch und Segen zugleich. In der Forschung schadet ein zu strenger Datenschutz dem Fortschritt – vor allem im Bereich der Künstlichen Intelligenz. KI muss, um vernünftig zu lernen und arbeiten zu können, so viele Informationen wie nötig, verschlüsseln, speichern und weiterverarbeiten. Damit wird auch die Frage, wie wir mit Daten umgehen, wettbewerbsentscheidend sein. Das heißt auch: wohlstandsentscheidend. Dahinter steckt die Frage, wie es jedem einzelnen in unserem Land geht. Wir brauchen eine Datenpolitik für eine funktionierende KI.

Diese müssen wir so ausgestalten, dass die Menschen das Gefühl haben: „Daten nutzen mir“. Das heißt auch: mit Datenreichtum verantwortungsvoll umgehen. Unser deutscher Weg des strengen Datenschutzes kann demnach auch ein Standortvorteil sein. Sicherheit ist ein Qualitätskriterium. Aber Forschung muss vorhandene Daten eben auch nutzen können. Dafür muss der Staat Daten wirksam schützen können. Die Bürger müssen sicher sein, dass die Daten, mit denen die KI arbeitet in Deutschland sicher gespeichert sind.

Hierfür brauchen wir eigene Datenbanken und Speicherorte in Deutschland. Das ist zum einen eine politische, aber auch eine technische Frage. Sie zu lösen ist enorm wichtig für die datenbasierte Forschung. Bei uns vor Ort – in Deutschland und Europa – muss Forschung mit großen Datenmengen möglich sein. Die Datensicherheit muss hier bei uns gewährleistet werden können. Wir müssen Anonymisierung und Zugriffsrechte klar regeln.

Wir stehen aber auch vor der Frage: Woher bekommen wir die Daten? Die USA können auf eine umfassende Menge an Konsumentendaten zurückgreifen – und sie scheuen nicht davor, mit diesen Daten zu arbeiten, um in Forschung und Wissenschaft voran zu kommen. Bei uns in Deutschland gäbe es beispielsweise ein großes Potential an Verkehrs- oder Gesundheitsdaten. Gerade die Medizindaten wären – selbstverständlich anonymisiert und sicher verwendet – kombiniert mit KI ein großer Fortschritt. Ich plädiere dafür, dass wir politisch dafür sorgen, dass die Forschung die Daten, die wir in Deutschland haben, für unseren gemeinsamen Fortschritt nutzen kann.

Damit Politik alle diese Punkte wirksam umsetzen kann, gibt es eine Grundvoraussetzung: gesellschaftliches Vertrauen in KI. Wir müssen dafür sorgen, dass möglichst viele Menschen sich möglichst gut mit der künstlichen Intelligenz und ihren Folgewirkungen auskennen. An ganz praktischen Beispielen müssen wir erfahren, wo algorithmische Entscheidungen uns im persönlichen Leben betreffen – positiv wie negativ. Nur so können wir aktiv entscheiden, was wir wollen und was nicht. Ein Beispiel: Man kann einer KI die Daten von vielen Patienten zeigen, die eine Herzkrankheit haben. Sie kann daraus lernen, bei weiteren Patienten Herzprobleme zu diagnostizieren – und zwar lange bevor diese durch Symptome nach außen treten oder gar bedrohlich werden. Und mittlerweile viel treffsicherer als ein Arzt. Denn die KI kann in wenigen Stunden so viele Patientendaten studieren, wie ein Mensch sie in seinem ganzen Leben nicht ansehen könnte. Ich vermute, jeder Patient, der hiervon einmal betroffen ist, wird froh sein, dass die KI die richtige Entscheidung trifft. Der wirkliche Fortschritt in der Medizin ist dann die Zusammenarbeit zwischen KI und Arzt, der aufgrund der technisch gefundenen Ergebnisse eine fundierte, auf seinen individuellen Erfahrungen beruhende Diagnose stellen kann – eine unschlagbare Kombination aus künstlicher und menschlicher Intelligenz.

Künstliche Intelligenz ist die Zukunft, ohne Wenn und Aber. Jetzt liegt es an uns Deutschen, zu entscheiden: Wollen wir nach vorne schauen und das große Ganze gestalten?

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